Wolf Stegmaier – Egmont Graphic Novel

Gespräch mit Wolf Stegmaier, Programmleiter für Egmont Graphic Novel. Das Interview entstand am Rande des Comic-Salons Erlangen 2014.

Das Label Egmont Graphic Novel gehört zu den Egmont Verlagsgesellschaften, die wiederum mit der Egmont Comic Collection (ECC) nach eigener Aussage den führenden Anbieter für Comics und grafische Erzählungen im deutschsprachigen Raum aufweisen können.
Ausschnitt aus Die Ignorantent

Illustration aus: Etienne Davodeau, „Die Ignoranten. Wenn Wein und Comic sich begegnen“, Egmont Graphic Novel 2013

(C) Futurpolis, Paris 2011

Egmont Graphic Novel beschreibt sich in seiner Internetpräsenz selbst als Verlag, der für moderne Bilderzählungen, herausragende Künstler, kraftvolle Themen und lebendige Geschichten einsteht und der dazu beitragen möchte, den Comic und im Speziellen die Graphic Novel einer breiten Öffentlichkeit schmackhaft zu machen.

Wolf, euch gibt es ja noch nicht so lange. Sag doch bitte zu Beginn kurz etwas zum Programm und zur Geschichte von Egmont Graphic Novel!
Ja, das stimmt, wir sind ein relativ junges Graphic Novel Label. Als Comic-Verlag sind wir schon älter und größer, und mit der Egmont Comic Collection machen wir in erster Linie Hefte wie „Asterix“,  „Lucky Luke“, die Walt-Disney-Serien – eben die bekannten Themen, die eigentlich jedes Kind kennt. Vor drei Jahren haben wir dann beschlossen, dass auch wir uns auf den Wachstums-Markt der Graphic Novels vorwagen wollen. Nach einigem Nachdenken haben wir uns entschieden, dafür ein komplett eigenes Label zu gründen, und sind dann Ende 2013 mit Egmont Graphic Novel an den Start gegangen.
Vorher haben wir uns natürlich auch intensiv Gedanken darüber gemacht, wie wir uns inhaltlich positionieren möchten, wir haben uns gefragt: Welche Klammer könnten wir für uns finden, die uns nicht zu sehr einengt, aber doch ein bisschen die Richtung vorgibt? Wir haben dann festgestellt, dass bei den Graphic Novels viele „schwere“ Themen am Start sind. Dem wollten wir dann etwas entgegensetzen und haben gesagt, wir machen Bücher mit positivem Tenor, leicht und locker erzählte Stoffe – was natürlich bestimmte Themen von vornherein auszuschließen schien.

Die Ignoranten - Ausschnitt

Illustration aus: Etienne Davodeau, „Die Ignoranten. Wenn Wein und Comic sich begegnen“, Egmont Graphic Novel 2013

 

(C) Futurpolis, Paris 2011

Kannst du ein Beispiel für so einen Titel mit positivem Tenor  nennen?
Eines unserer ersten Projekte war „Die Ignoranten – Wenn Wein und Comic sich begegnen“ von Étienne  Davodeau, eine Übersetzung aus dem Französischen. Das ist deshalb so faszinierend, weil man sich beim Hören des Titels natürlich fragt, was sollen Weinbau und Comic denn miteinander zu tun haben, wie passt denn das zusammen? Wenn sich der Leser dann auf die Geschichte und die Bilder einlässt, und einen Winzer und einen Comiczeichner dabei begleitet, wie sie sich gegenseitig über ihre Metiers aufklären, erkennt er bald: Die Parallelen sind gar nicht so weithergeholt, wie es zunächst vielleicht schien. Der gemeinsame Nenner heißt Leidenschaft und Selbstverwirklichung, und es macht einfach Spaß, den beiden Figuren auf ihrem Weg zu dieser Erkenntnis zu folgen.

Und inwiefern haben sich die Erwartungen, die mit der Neugründung  des Labels verbunden waren, bis jetzt erfüllt?
Unser Ziel war es, auch Leserinnen und Leser außerhalb der „klassischen“ Comic-Leserschaft zu finden, und ich denke, das haben wir schon erreicht.

Was unterscheidet denn die Comic-/Graphic Novel-Szene von der belletristischen Literaturszene?
Also, ich sehe da inhaltlich keine so großen Unterschiede – die Themen und Stoffe sind für Romane und Graphic Novels eigentlich dieselben. Und bei den Graphic Novels ist es so, dass der Trend weg geht vom großen Albumformat und hin zu kleineren Buchformaten, die in sich abgeschlossene Geschichten erzählen, dafür dann aber auf mindestens 100 Seiten.
Wir verstehen Graphic Novels so auch als Türöffner zur Romanlektüre, also dass über die Graphic Novel auch solche Leser mit großartiger Literatur vertraut gemacht werden können, die z.B. sonst nicht zu einem dicken Roman greifen würden.

Ausschnitt aus Michel Kichka, Zweite Generation

Illustration aus: Michel Kichka, „Zweite Generation – was ich meinem Vater nie gesagt habe“, Egmont Graphic Novel 2014

 

(C) DARGAUD 2012, by Kichka

 

Was hat euch seit der Gründung am meisten überrascht?
Zunächst dachten wir ja, dass unsere Zielrichtung gewisse Stoffe und Themen von vornherein ausschließen würde. Aber dann haben wir festgestellt: Auch ein Projekt mit sehr ernsthaftem Hintergrund kann im Rahmen von Egmont Graphic Novel funktionieren, wenn es warm und schön erzählt wird! So haben wir schon im zweiten Halbjahresprogramm mit „Zweite Generation – Was ich meinem Vater nie gesagt habe“ von Michel Kichka eine Erzählung im Programm, die sich mit der zweiten Generation nach dem Holocaust auseinandersetzt.  Aber die Figuren werden hier auf eine so persönliche und liebevolle Weise geschildert, dass die Lektüre den Leser eben trotz des Themas nicht herunterzieht oder deprimiert zurücklässt, und daher passt „Zweite Generation“ auch prima ins Programm von Egmont Graphic Novel.

Wie langfristig im Voraus wird das Verlagsprogramm geplant?
Aus Vertriebsgründen für die Zusammenarbeit mit den Buchhandlungen und für Partner wie z.B. Amazon wird das Programm sehr langfristig im Voraus geplant, wir sprechen hier von einem Zeitraum von etwa anderthalb Jahren.

Und noch eine Frage aus der eher „handwerklichen“ Praxis: Wo lasst ihr eure Bücher drucken?
Wenn ich jetzt wieder an die großen, übergeordneten Egmont Verlagsgesellschaften denke, dann lassen wir die Mangas z.B. alle in Deutschland drucken – oft hört man ja, dass man in Deutschland nicht zu einem vernünftigen Preis-Leistungs-Verhältnis drucken lassen kann, aber das entspricht nicht unserer Erfahrung. Einige Projekte lassen wir aber auch z.B. in Litauen drucken, da haben wir ganz unterschiedliche Partner in unterschiedlichen Ländern.

Ausschnitt aus Michel Kichka, Zweite Generation

Illustration aus: Michel Kichka, „Zweite Generation – was ich meinem Vater nie gesagt habe“, Egmont Graphic Novel 2014

 

 

(C) DARGAUD 2012, by Kichka

Bietet ihr eure Comics auch als e-book an?
Im Moment nicht, aber es ist auf alle Fälle geplant. Aber die Frage war für uns zunächst nicht so drängend, weil bei unseren Projekten und Veröffentlichungen das haptische Lese-Erlebnis ganz klar im Vordergrund steht. Wir machen uns sehr viele Gedanken um die Gestaltung der einzelnen Werke und verwenden viel Zeit allein darauf, welche Papiersorte wir jetzt z.B. wählen. Im Folgenden geht es dann um solche Fragen wie: Nehmen wir ein Hard- oder Softcover, eine Spotlackierung oder keine… Dafür geht wirklich sehr viel Zeit drauf, aber das Werk soll sich eben als Ganzes gut anfühlen für den Leser!

Was sind für euch Merkmale eines guten Comics?
Ein guter Comic muss spannend und packend zu lesen sein, und er muss eine atmosphärische Dichte aufbauen! Außerdem müssen Text und Bild Hand in Hand gehen, vom Grafischen und auch von der Erzählung her.

Wie findet ihr Autoren/Zeichner?  Und wie finden die Autorinnen/ Zeichnerinnen euch?
Wir haben viele Übersetzungen im Programm, die wir über andere Verlage aus dem Ausland finden, auch Literaturagenturen, die unser Programm kennen, sprechen uns häufiger an.  Auf Messen wie z.B. den Buchmessen in Bologna und Frankfurt oder dem Comicfestival in Angoulême werden wir auch häufiger von Autorinnen und Autoren angesprochen. Der Comic-Salon hier in Erlangen ist dagegen eher eine Publikumsveranstaltung für uns.

Was erwartet ihr von einem Autor? Und was tut ihr für ihn?
Natürlich erwarten wir zuerst, dass sie oder er einen guten Stoff zum Erzählen hat. Aber eine gute Geschichte allein reicht nicht, um Erfolg zu haben. Dazu gehört auch eine gewisse Offenheit und Medienaffinität, also dass der Autor z.B. bereit ist, an Podiumsdiskussionen teilzunehmen, Interviews zu geben und so weiter. Was wünschen wir uns auf der persönlichen Ebene? Da fällt mir als allererstes eine gewisse Kooperationsfähigkeit ein.
Umgekehrt tun wir auch etwas für den zeichnerischen Nachwuchs: Wir stiften z.B. das Egmont-Comic-Stipendium, bei dem der Gewinner ein Stipendium in Höhe von 5.000 Euro für die Fertigstellung eines Comics oder einer Graphic Novel erhält. Außerdem wird der Titel in unserem Programm veröffentlicht. Die Preisträgerinnen und Preisträger auf den zweiten und dritten Plätzen erhalten eine Reise zum Comic-Salon Erlangen, um hier noch mehr „Comic-Luft“ zu schnuppern.

Bekommt ihr viele (unaufgeforderte) Manuskripte?
Ja, und die Qualität ist sehr unterschiedlich.

Welchen Tipp würdet ihr denn jungen Zeichnerinnen geben, die einen Verlag suchen bzw. sich in der Comicszene etablieren  möchten?
Also, zuallererst würde ich demjenigen sagen: „Bleib dran!“  Man braucht auf alle Fälle eine Portion Hartnäckigkeit, um veröffentlicht und auch wahrgenommen zu werden.
Dann, zum zweiten, lautet mein Ratschlag: „Arbeite an dir!“ Das meinte ich zum Teil auch mit der bereits erwähnten Kooperationsfähigkeit. Man muss einfach auch konstruktive Kritik einstecken können und versuchen, diese bei der weiteren Arbeit umzusetzen. Wir erleben es auch tatsächlich oft bei den eingesandten Manuskripten, dass das zeichnerische und das erzählerische Talent auseinanderfallen. Das geht manchmal so weit, dass wir demjenigen Künstler dann gerne empfehlen würden, die Zeichnungen von jemand anderem machen zu lassen, oder aber sich für die Texte und die Dramaturgie der Geschichte eine Co-Autorin zu suchen.  Für solche Vorschläge sollte man schon offen sein.
Außerdem empfehle ich Nachwuchstalenten den Besuch des Comic-Zeichner-Seminars von Paul Derouet hier in Erlangen, das regelmäßig zum Comic-Salon stattfindet und bei dem man viele wertvolle Tipps und Anregungen erhält.
Und auf jeden Fall sollte man aktiv den Kontakt zu Verlagen suchen und nicht aufhören, sich Rückmeldungen zu holen.

Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Sylvia Marquardt.

Weitere Informationen im Internet:

Internetpräsenz von Egmont Graphic Novel

Internetpräsenz von Egmont Comic Collection

Informationen über das Comic-Stipendium

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